Führerstandsmitfahrt auf der Gartenbahn

Streckenbeschreibung

Sonnenschein – gigantische Berge. Ich bin gerade in Realp eingetroffen, einem kleinen verträumten Dorf im Herzen der Schweiz im Kanton Uri, 1538 Meter über dem Meer gelegen. Nach einem herzhaften Essen im Restaurant „Post“ mache ich mich mit der Kamera bewaffnet auf den Weg. Wohin? Zu der wohl attraktivsten Dampf-Zahnradbahn der Schweizer Hochalpen. Wie ein Wegweiser leitet mich eine Rauchfahne zum DFB-Lokdepot. Vor dessen kobaltblauen Toren werden die verschiedensten Fahrzeuge gewartet und repariert. Über eine große Drehscheibe werden weitere Abstell- und Behandlungsgleise erreicht, die zur Bekohlungsanlage und zur Entschlackungsgrube führen. Ich gehe weiter zum Bahnhofsgebäude, das sich hervorragend in die Architekturstruktur der Gegend einfügt. Zahlreiche Touristen tummeln sich bereits entlang der drei Gleise und beim abgestellten Barwagen. An der Rampe werden gerade Materialen in einen Bauzug verladen, denn an der Strecke wird weitergebaut. Eine erste Zugkomposition mit einem offenen Aussichtswagen und drei Allwetterwagen stehen zur Abfahrt bereit. An dessen Spitze schnaubt und zischt bereits die Dampflokomotive HG 3/4  1 „Furkahorn“, das Paradepferd der DFB. Natürlich nehme ich im Aussichtswagen Platz. Der Schaffner meldet die Bereitschaft und umgehend erhält der Lokführer den Abfahrbefehl.
Ein letzter Blick auf Realp und die Zurückgebliebenen und schon setzt sich der Zug rauchend und stampfend in Bewegung. Nach kurzer Fahrt kündigt ein metallischer Schlag die gefedert gelagerte Zahnstangeneinfahrt an. Diese darf nur in Schrittgeschwindigkeit befahren werden. Sofort danach überquert der Zug die Furkareuss auf der Wilerbrücke. An dieser Stelle stand früher ein Steinviadukt, das jedoch durch Schmelzwasser zum Einsturz gebracht wurde. Oberhalb der Brücke verengt sich das Tal zusehends und die Gleise führen an senkrechten Felswänden entlang. Drei kurze Tunnels durchqueren Felsnasen, die bis ins Wasser reichen. Hier kreuzen wir das erste Mal den Wanderweg, der immer in unmittelbarer Nähe zum Bahntrassee entlangführt. Rechts erscheint eine Baustelle an den steilen Felswänden, links oben eine Aussichtsplattform des Wanderweges und wieder rechts eine Stützmauer mit drei Portalen. Im sicheren Griff der Zahnstange klettert der Zug weiter bergwärts, der Auspuffschlag der Dampflok widerhallt dabei dumpf in der engen Schlucht. Breite Lawinenzüge queren hier die Schienen und überdecken die Landschaft jeden Winter. Schneehöhen von zehn Metern und mehr sind hier keine Seltenheit. Zudem peitschen Stürme in diesem Bereich die Eiskristalle zu imposanten Kunstwerken auf. Wenn sich dann im Frühjahr die ersten Räumungsequipen an die Lawinenkegel wagen, beginnt die zeitaufwendige und nicht ungefährliche Arbeit mit Schneeschleuder, Schaufel und Spaten. Ein schriller Pfiff holt mich in die Gegenwart zurück. Rechts huscht ein verwittertes Marienbild am Fenster vorbei, das an die Menschen erinnert, die beim Bahnbau oder bei der Schneeräumung ihr Leben lassen mussten. Auf einem kleinen Durchlass überqueren wir erneut den Erlebnispfad, der gleich danach in einem kurzen Felstunnel verschwindet. Unweit springen Gämsen auf einem felsigen Plateau umher. Nun taucht die weltweit einzigartige Konstruktion der Steffenbachbrücke auf. Da in diesem Tobel jeden Winter eine berüchtigte Lawine abgeht, die alles mitreißt, was sich ihr in den Weg stellt, wurde diese Brücke so gebaut, dass sie im Herbst auf ihre Widerlager zurückgezogen werden kann, um den Lawinen freie Bahn zu garantieren. Ganz im Hintergrund kann ich nun die Gipfel der Dreitausender Furkahorn und Galenstock erkennen. Weiter geht die Fahrt vorbei an herrlich blühenden Bergwiesen. Eine prächtige Alpenflora lenkt die Blicke auf sich. Doch auch die Fauna hat einiges zu bieten. Vor der nächsten Schlucht erblicke ich beispielsweise eine Murmeltierfamilie, die sich hier Fett für die Wintermonate anfrisst. In der bereits genannten kurzen Schlucht verläuft der Fußweg auf den Gleisen, weshalb hier die Geschwindigkeit gedrosselt werden muss. Anschließend folgt wieder eine Baustelle, auf welcher fleißige Fronis eine alte Stützmauer sanieren. Danach poltert unser Zug über die Zahnstangenausfahrt und die Einfahrtsweiche des Haltepunktes Tiefenbach, wo uns bereits der Gegenzug aus der Station Furka erwartet. Unser Lokführer lässt den Zug ausrollen und bringt ihn direkt vor dem in Stein gehauenen Warteraum zum Stehen. Hier steigen wir nun aus, um die Gegend per pedes zu erkunden. In der Nähe der Station befindet sich der Blausee, der seinem Namen alle Ehre macht. Er ist die Quelle der schon bekannten Furkareuss. Diese überquere ich auf einer schlichten Holzbrücke, um an das andere Ufer zu gelangen. Über ein paar Stufen erreicht man einen Rastplatz bei einem Wegkreuz. Von hier aus geht es über eine weitere Treppe zur 2002 restaurierten Tiefenbacher Kapelle. Nach einem ausgiebigen Picknick am Rastplatz kehre ich zur Haltestelle zurück. Hier wird die Lok gerade zur Weiterfahrt mit frischem Quellwasser aus dem Wasserkran versorgt. Nun ruft der Lokführer mit einem langgezogenen Pfiff der Dampfpfeife die Fahrgäste wieder zusammen. Jeder drängt in die Wagen, damit er nicht in dieser rauen, verlassenen Gegend zurückgelassen wird.
Langsam setzt sich der Zug wieder in Bewegung, rastet wieder in die Kletterhilfe ein und beschreibt eine enge Linkskurve. Auf der Hangseite tauchen die Hütten der Sennerei Steinstafel auf und gleich anschließend befährt unsere Bahn in einer langen Kurve das aus Bruchstein gemauerte Steinstafelviadukt. Über einen Wegübergang erreichen wir das letzte Brückenbauwerk auf Urner Seite, die Sidelenbachbrücke, eine Stahlbrücke, die auf gemauerten Widerlagern liegt. Das Trassee führt über eine letzte Kurve durch saftige Blumenwiesen. Kaum hat die fauchende Dampflok die Zahnstange verlassen, erreicht der Zug auch schon die Station Furka. Vor der Weiterfahrt durch den Scheiteltunnel ins Wallis wird die Lok beidseits begutachtet und Heizer und Lokführer überprüfen die Antriebsteile und die Schmierstellen. Das Stationsgebäude beherbergt eine kleine Gastwirtschaft, so dass für das Wohl der Passagiere auch in dieser abgeschiedenen Gegend gesorgt wird. Nachdem der Durst bei Fahrgästen und Lokomotive gestillt ist, machen sich alle bereit zur Weiterfahrt. Ich verabschiede mich hier allerdings von diesem Zug und werde über einen schmalen und steilen Wanderweg die Passhöhe erreichen und dort meine Rückfahrt in der Postkutsche über den Furkapass antreten. Der Abschied von dieser grandiosen Bergbahn fällt schwer, doch ich weiß, dass ich bald wiederkommen werde.

 

( C.R. 2007)

 

 

Wandbemalung

Wandbemalung
Wandbemalung
Zum Streckenplan - bitte klicken!
Zum Streckenplan - bitte klicken!

Aufgrund der DSGVO wurden einige Bereiche der Homepage vorerst stillgelegt. Vielen Dank für Ihr Verständnis!

AKTUELL

Bahn momentan außer Betrieb.

Demnächst geht es aber wieder weiter!

Aktuelle Bastelarbeiten:

Virtuelle Wanderung durch die GFB: